Gerhard Schrick

Geschichten - Gedichte - Malerei

Das Märchen von der Kindheit (Kurzgeschichte)

„Es wurde gegen seinen Willen in die Welt hineingeboren. Gerade, als es sich in der warmen, feuchten Leibeshöhle so richtig gemütlich gemacht hatte, da wurde es heraus gepresst…“

Wohlgenährt, wie das Kind war, konnte es ihm draußen nur schlechter gehen. Es hatte schon vom Krieg gehört, bei dem auch Kinder getötet wurden.
„Sollen wir die Erde unter Protest verlassen?“, fragte eines der Neugeborenen in der Babysprache, die von den Erwachsenen nicht verstanden wird. „Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen“, erwiderte ein zweites. „Und wenn wir nicht in den Bauch zurückgehen, sondern einfach sterben?“, fragte ein drittes. „Ihr spinnt doch“, rief das Kind. „Wir nehmen unser Leben an. Und vielleicht bedeutet Leben auch Glück. Wer weiß das schon.“
Das Kind nahm sich vor, das Glück zu suchen.

„Freu dich“, wurde es von dem Mann mit der braunen Binde angesprochen. Das war der Vater. „Dir steht eine große Zukunft bevor“, verkündete er. Wir sind ein starkes Volk und du gehörst jetzt dazu“. Der Mann hatte einen strengen Blick. Von ihm war nichts Gutes zu erwarten. Jahre vergingen. Die Evakuierung in den Thüringer Wald gefiel dem Kind, weil es dort Schlitten fahren konnte. Der Opa, der das Kind betreute, lehrte es das Notenlesen. Auf seiner kleinen Geige spielte es Hänschen klein und Ein Männlein steht im Walde. Dann starb der Opa und die Musik geriet in Vergessenheit. Die Geige wurde verschenkt. Das Glück war weit weg. Die folgende Zeit der Rückkehr in seine alte Heimat war voller Entbehrungen, Krankheit und Hunger, so dass ihm die Kraft fehlte, vom Glück zu träumen. Nur einmal kam eine gute Fee, die es vor dem kalten Regen schützte. Da fühlte es sich geborgen, denn es wollte leben. Trotzdem kam es manchmal vor, dass es sich in den Bauch zurücksehnte. Aber nicht in den Bauch seiner Mutter, die nur sich selbst liebte. Nach dem Krieg hat sein Vater wenig mit ihm gesprochen. Er hatte immer noch seinen strengen Blick und nannte das Erziehung. Davon, dass es geliebt wurde, hat es nie etwas gespürt.

Es suchte sein Glück auf dem Spielplatz. Fußball spielen machte Spaß. Einen alten Lederball gab es auch. Seine Spielkameraden beschimpften es als Nazikind. Manchmal wurde es ins Tor gestellt. Wenn es einen Ball nicht halten konnte, wurde es geschlagen und getreten. Schließlich durfte es gar nicht mehr mitspielen. Das Kind grub sich einen kleinen Bunker in die Erde und träumte dort vor sich hin. Es sprach mit niemandem mehr. Als es in die Schule kam, stellten die Lehrer fest, dass es keinen ganzen Satz herausbrachte. Die Jungen in der Klasse machten sich lustig, die Mädchen hatten Mitleid. Nach und nach verstummte es ganz. Stattdessen schrieb es alles auf. Verständnisvolle Lehrer ließen es gewähren.  Die Eltern nahmen an, dass alles in Ordnung sei. Manchmal versuchte es, zu Maria und Jesus zu beten, denn man hatte das Kind getauft und gelehrt, dass es die Erlösung gebe, aber auch die Strafe Gottes. Das Kind wollte nicht mehr bestraft werden. Maria und Jesus durften nicht auch noch seine Peiniger werden. Das Kind begann, Bücher zu lesen, die ihm andere Kinder unter der Bedingung ausliehen, dass es für sie die Schularbeiten erledigte. Grimms Märchen, Robinson Crusoe und der Kleine Prinz waren die wichtigsten. Für eigene Bücher gab es kein Geld. Das Kind schuf sich seine eigene Welt. Hin und wieder wachte es aus seinen Träumen auf und lernte viel. Was es gelernt hatte, verknüpfte es mit seinen Träumen. Die Lehrer hielten es für intelligent. Vielleicht deshalb, weil sie selbst so viel redeten und kaum Zeit hatten, zuzuhören.

Als das Kind Jahre später gefragt wurde, ob seine Kindheit glücklich gewesen sei, sagte es ruhig:   „Ja!“

Und das war die Wahrheit.