Gerhard Schrick

Geschichten - Gedichte - Malerei

Kerry O´Brian (Kurzgeschichte)

„Cheers“, sagte der Mann neben mir.
„Cheers“, erwiderte ich leise.
„Sie kommen sicher aus Deutschland. Entschuldigen Sie. Ich möchte nicht aufdringlich sein. Sind Sie auf der Durchreise? Hier ist ja eigentlich nichts los.“ Ich wollte in Ruhe mein Bier trinken, die Fahrt auf den fremden Straßen mit Linksverkehr war anstrengend. Mein Englisch war auch nicht so gut. Der Mann sprach mit starkem Dialekt. Gälisch?

„Guinness ist ein gutes Bier. Mögen Sie es?“
„Ja, ganz gut.“
„Wenn Sie nicht reden wollen, müssen Sie´s nur sagen, ich bin sofort still.“
„Ist schon okay. Ich bin nur ein bisschen müde.“
„Ich heiße Kerry. Kerry O`Brian. Echter irischer Adel. In diesem Pub kann man immer so interessante Leute kennenlernen. Was machen Sie so?“

Gute Frage. Ich sah den Mann namens Kerry jetzt an. Schwarze Haare. Erstaunlich, nicht rot. Bäuerliche Kleidung, schwere Stiefel. Das Gesicht war blass, die Augen glasig, aber irgendwie hintergründig. Er schaute mich fragend, ein wenig ungeduldig an. Ja, was mache ich? „Mal dies, mal das. Im Moment sehe ich mir Ihr Land an und versuche, mit Leuten ins Geschäft zu kommen“, antwortete ich. In Wahrheit war ich auf einer Wallfahrt.
„Aha. Und da sind Sie alleine unterwegs?“
Ich hatte wirklich keine Lust, ihm die Geschichte von Gwenn zu erzählen, meiner verstorbenen Frau. Sie war in Irland geboren und hatte sich immer danach gesehnt, wieder einmal in ihre Heimat zu reisen. Ich hatte diesen Wunsch ignoriert, auch dann noch, als sie unheilbar erkrankt war.
„Nur eine kurze Reise nach Hause. Bitte. Der Arzt stimmt doch auch zu“, hatte sie gefleht. Aber ich blieb stur bei meinem Nein. Ich hatte eine Abneigung  gegen dieses Land. Sie hat mir das nie verziehen, auch nicht auf ihrem Totenbett. Erst ihr Tod ließ mich aus meiner Verblendung  aufwachen. Ich bereute zutiefst und litt wie ein Hund.
„Cheers“, sagte ich traurig und schwieg.
Die Kneipe war voller Leute, aber es war doch seltsam still. Die Menschen flüsterten eher, als dass sie sprachen. Merkwürdig, dachte ich. Merkwürdig auch, dass die Leute mich ansahen, aber nie meinen Nachbarn, wenn sie in unsere Richtung blickten. Sie blickten durch ihn hindurch, so war mein Eindruck.
Noch ein Bier, je mehr, desto besser schmeckte dieses Guinness.
„Sieh mal, Paul, ein Bild von einer interessanten Kultstätte in der Nähe. Kennen nur wenige. Willst du sie mal sehen?“
Ich nahm das Bild widerwillig: Viele Steine, eigentlich ein Steinkreis, sonst eine Wiese mit blühendem Ginster, im Hintergrund ein paar Häuser.
„Woher kennst du meinen Namen?“
„Hast du doch vorhin gesagt.“
„Wirklich?“ Ich beließ es dabei, aber ich hatte ihm meinen Namen nicht gesagt.
„Hast du Lust mitzukommen? Ich wohne in einem dieser Häuser. Heute Nacht ist Vollmond und zu Sommeranfang blüht alles auf und die Luft ist so frisch. Ein kleiner Spaziergang.“
„Meinetwegen. Ich trinke nur das Bier aus.“
Die Leute im Pub schauten mich so nachdenklich an, als wir gingen. Oder kam es mir nur so vor? Es war ein kurzer Weg. Kerry ging voraus, er hatte einen merkwürdig leichten Gang. „Eigentlich heiße ich Dagda. Das war der Name eines keltischen Gottes, ein Bewohner des Jenseits. Das weiß heute niemand mehr. Ich nenn mich deshalb Kerry.“
„Soso“, sagte ich.
Er wies auf die Steine, die mich irgendwie an Stone-henge erinnerten. Der Vollmond schien, aber die Steine leuchteten selbst. Ich blieb wie gebannt stehen. Kerry ging langsam in die Mitte des Steinkreises. Ich war einen  Moment von dem Licht geblendet. Als ich ihn wieder sah, traute ich meinen Augen nicht: Dagda schwebte über dem Platz! Er schwebte circa einen Meter über dem Steinkreis. Verrückt! Ein seltsames Strahlen umgab ihn. Er winkte mir würdevoll zu und deutete auf eine dunkle Erscheinung in einiger Entfernung. Sie kam langsam näher, es war eine weibliche Gestalt. Ich erkannte Gwenn. Sie schwebte wie ein Engel in meine Richtung. Sie schaute mich an und lächelte. Ich fiel in Ohnmacht.

„Wie sind Sie denn hereingekommen? Ich habe doch noch nicht aufgeschlossen.“
Ich erblickte einen älteren Mann in schäbiger Uniform mit einem Schlüsselbund in der Hand.
„Bitte, stehen Sie auf, die Bank, auf der Sie liegen, ist ein Ausstellungsstück.“ Er schaute mich missbilligend an. Wie kam ich hierher? Ich hatte keine Erklärung. Ich stand auf, stammelte eine Entschuldigung und wankte benommen von dannen. Später erfuhr ich, dass die Häuser unbewohnt waren. Sie dienten als Museum und Eingangsbereich zur keltischen Kultstätte. Einen Kerry O’Brian oder Dagda kannte niemand.